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Stockholm

In Stockholm leben heute ca. 847.000 Einwohner und bis 2025 soll die Millionengrenze überschritten werden.  Der erste Eindruck von Stockholm ist gesammelte Ruhe in der Bewegung, kühles Feuer, in das man sich stürzen möchte und doch nicht kann. Schon nach den ersten vierundzwanzig Stunden ist man kein Fremder mehr, und gleichzeitig weiß man, dass man nie ein Einheimischer sein wird. Stark und ruhig schlägt das Herz der Stadt, von den Verkehrsadern droht kein Infarkt. Die Altstadtkais, an denen einst die Geschichte der Metropolis begann, sind nur der Bypass für die Autoströme. In den Gassen aber gurren Tauben, plätschern Brunnen, setzt Glockenspiel den geruhsamen Takt der Zeit.

Diese Stadt verschenkt sich nicht und ist doch reich genug, zu geben, ohne nach den Gegendiensten zu fragen. Der Untergrund der Häuser ist Felsen. In der Altstadt Gamla Stan gibt es nur wenige Gebäude, die jünger als 200 Jahre sind. Umschlossen sind die vierzehn Inseln, auf denen sie steht, nach der einen Seite vom Meer, nach der andern von Süßwasser. Vom offenen Wasser trennen Stockholm jedoch 24.000 Inseln - die Schären. Zwei Gesichter hat sie so, das eine in die Welt hinaus gewandt, das andere nach dem eigenen riesigen Hinterland gerichtet, in dem acht Millionen Menschen auf einer Bodenfläche etwa von der Größe Deutschlands wohnen. Das ergibt in allen Dingen weiten Raum und gesicherte Entfernung.

Nach zwei Seiten ist der ruhige Blick Stockholms gerichtet — nach dem Osten und nach dem Westen. Der Osten ist hier weniger das mächtige Russland, in dem die Schweden früher so gewaltige Kriege geführt haben, sondern das gegenüberliegende Finnland. Die Finnen sind ein sehr altes und doch wieder ganz junges Volk. Sie machten alle Kinderkrankheiten einer erwachenden Nation durch. Dazu gehört auch eine gewisse Distanzierung gegen die Schweden, die tausend Jahre lang das Land der tausend Seen beherrscht haben und heute noch als frühere Oberschicht von etwa einer halben Million Einwohnern im Lande sitzen. Ein schwedisches Minderheitenproblem, vor allem in der Sprachenfrage, ist in den letzten Jahren allmählich entstanden, es wird mit der größten Zurückhaltung und Freundlichkeit behandelt, die jedoch durchaus nicht Entschiedenheit vermissen lässt. Schweden selbst hat eine kleine finnische Minderheit hoch im Norden, die seit langer Zeit sehr loyal und unter Achtung ihrer besonderen Eigenheit behandelt wird.

Nach der andern Seite schaut Stockholm nach England und Amerika hinüber. Wenn man von Rassenverwandtschaft sprechen will, dann empfindet sie der Skandinavier in weit stärkerem Maße zu den angelsächsischen Völkern als zu Deutschland. Gewiss, Stockholm ist entstanden als eine deutsche Stadt, in engster Verbindung mit den Hansastädten Bremen, Lübeck, Hamburg. Die Architektur der alten Stadtteile ist die gleiche in den Grundzügen wie die Architektur des deutschen Nordens. In den schmalen Gassen der Altstadt, dem Viertel ehemaliger deutscher Kaufleute, zeugen noch heute neben der Tyska Kyrkan (Deutsche Kirche) auch viele Straßennamen von der Blütezeit der Hanse.

Die Stockholmer selbst sind ein ausgesprochen gleichmäßiger Typ trotz aller individuellen Differenzierung, und sie sind gar nicht traurig, dass durch eine starke Mischung mit finnischem Blut — also gewissermaßen mongolischem Einschlag — und durch einen nicht unerheblichen wallonischen Zuschuss eine Mischung des Volkscharakters entstanden ist, die sich sehr fruchtbar zeigt.

Was Stockholm und der schwedischen Bevölkerung das besondere Gepräge gibt, ist die Kontinuität der Entwicklung über zwei Jahrhunderte hinweg. Man kann sich hier einen lebhaften Begriff davon machen, wie Europa heute aussehen würde, wenn die unseligen Weltkriege nicht gekommen wären. Von einer Verweichlichung und satten Verspießerung ist gar keine Rede, aber eine Differenzierung, ist auf allen Gebieten festzustellen. Die "Masse Mensch" existiert nicht, aber auch nicht die Oberbetonung eines krankhaften Individualismus, die nach dem dadaistischen Grundsatz "Jeder sein eigener Fußball” eine snobistische Gesinnung erzeugt.

Eine glückliche Stadt? Man könnte so sagen, besonders jetzt, wo die Konjunktur die Nachwirkungen der Krise völlig weggespült hat. Man hat allerdings auch in der Krise den Standard nicht allzu stark senken müssen. Denn es waren genügend Reserven vorhanden, und sie wurden großzügig eingesetzt. Man hatte keine Angst vor dem kommenden Tag — »es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe", sagte man mit der Bibel, die der "Verband reisender Kaufleute" hier im Hotelzimmer aufgelegt hat.

  Kommunen | www.stockholmtown.com | www.stockholm.se | Übersichtskarte Stockholm

 

 

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