Schweden ist das Land, in das
sich Kurt Tucholsky verliebte und in dem seit Astrid Lindgren alle Kinder wohnen
wollen. Astrid Lindgren ist die geistige Mutter von Pippi
Langstrumpf, Ronja Räubertochter, den Kindern aus Bullerbü, Kalle Blomquist,
Michel aus Lönneberga, Madita, Mio, Karlsson vom Dach, und den Brüdern
Löwenherz. Die schwedische Kinderbuchautorin wurde am 14. November 1907 als Astrid Anna Emilia Ericsson in Näs bei Vimmerby in
Süd-Småland geboren.
Astrid Lindgrens Großvater
pachtete 1895 den Pfarrhof von Näs, der auf einer Landzunge (Näs) liegt. 1905
übernahm ihr Vater Samuel August Ericsson den Hof und heiratete Hanna Jonsson
aus Hult. Astrids Eltern führten eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Liebes-Ehe
mit allem romantischen Zubehör. Sie schenkten ihren Kindern das Wichtigste –
Urvertrauen in die eigene Kraft. Astrid hatte einen Bruder und 2 Schwestern. In
Näs verbrachte Astrid ihre Kindheit und
wuchs in einer heilen Welt auf.
Der Übergang zum Erwachsenenalter
war hart. Mit 18 Jahren wurde Astrid Ericsson von dem verheirateten
Chefredakteur der Vimmerby-Tidning schwanger, den sie nicht heiraten wollte.
1926 war aus der Sicht der streng puritanischen, kleinstädtischen Bürger eine
ledige Mutter nicht tragbar. Um ihren Eltern
keine Schande zu bereiten, verließ sie das Paradies ihrer Kindheit, die Wiesen
und Wälder, die ihr so viel bedeuteten. Nach kurzem Aufenthalt in
einem Heim für werdende Mütter erreichte sie
Stockholm und begann eine Ausbildung
als Sekretärin. Mit Hilfe der Frauenrechtlerin, Eva Anden, bringt sie ihren Sohn
Lars in Kopenhagen zur Welt, da sie dort keine Angaben zum Vater machen muss.
Während andere in dieser Situation aufgeben, kämpft sie um ihr Kind. Sie bringt
Lars bei einer Gastfamilie unter und machte ihre Ausbildung in Stockholm weiter.
Sie besuchte ihn sooft es ihr finanziell möglich war. Dieses abrupte Ende ihrer
Kindheit quälte Astrid ihr ganzes Leben. Aus ihrem Alltag entflog sie in eine
Phantasiewelt.
Beim königlichen Automobilklub
bekam sie einen Job. Ihr Chef, Sture Lindgren, verliebte sich in Astrid. Er
akzeptierte ihren Sohn. Nach der Hochzeit 1931 holt das Ehepaar den vierjährigen
Lars zu sich. Astrid Lindgren ist glücklich ihn bei sich zu haben. Auch mit den
Eltern in Näs war sie längst versöhnt. Tochter Karin kam 1934 zur Welt und die
26jährige Mutter lebte in ihrer Rolle auf. Eigentlich wollte Astrid Lindgren nie
Kinderliteratur Schreiben. Alles begann mit den Geschichten von Pippi
Langstrumpf, eine Geschichte, die sie ihrer siebenjährigen Tochter erzählte, als
sie das Bett hüten musste. Im Bett schrieb sie von einem Mädchen mit
Bärenkräften und roten Zöpfen. Der Beginn einer unvergleichlichen
Schriftstellerkarriere.
In den 50er Jahren unternahm
Astrid Lindgren erste Lesereisen nach Deutschland. Fünf deutsche Verlage hatten
ihr Pippi-Buch abgelehnt, bevor der Hamburger Verleger, Friedrich Oettinger,
1949 den Versuch wagte. Vorsichtshalber übersetzte man in den ersten
Pippi-Ausgaben Tommi mit Thomas, weil Tommi ein englischer Besatzungssoldat war
und Pippis Pistolen wurden auch entschärft. Alle Textänderungen konnten der
Magie des Buches nichts anhaben.
Kinder auf der ganzen Welt
identifizieren sich bis heute mit Astrid Lindgrens Schöpfung aus dem Jahr 1945.
Ihr ist es gelungen, in einer sehr rhythmisch und einfachen Sprache Kinder
direkt anzusprechen, aber trotzdem sehr anspruchsvoll zu schreiben. Mit ihrer
Sprache schaffte sie es auch mit den Helden in ihren Büchern eine wahre
Phantasiewelt zu bauen. Seit vielen
Jahrzehnten schon eignet sich Pippi Langstrumpf als Rollenvorbild für junge
Mädchen und macht sie mutig und stark. Pippi wächst völlig frei und unabhängig
ohne Eltern auf. Alle Kinder haben gerade diese Unabhängigkeit fasziniert.
Astrid Lindgren schrieb überlegt, aber ohne pädagogisches Ziel oder belehrenden
Tonfall. Mit 57 Übersetzungen und 85 Millionen verkaufter Exemplare ist Pippi Langstrumpf ihr meist gelesenes Buch
weltweit. 1969 wurde Pippi Langstrumpf unter der Regie von Olle Hellbom
verfilmt. Die Rolle als Pippi Langstrumpf mit den roten Haaren machte Inger Nilsson
weltbekannt.
Astrids schrieb die Bücher fast
alle in ihrem Sommerhaus am Meer. Oft saß sie dann auf dem Holzbalkon mit Blick
auf das Wasser und versetzte sich in ihre eigene Kindheit zurück. Meist kamen
ihr die Einfälle so spontan und schnell, dass sie stenographieren musste - in
normaler Schrift hätte sie gar nicht alles behalten können. Sie
weckt in ihren Geschichten Verborgenes und Sehnsüchte bei den Kindern. Bei allen
Geschichten von Astrid Lindgren gab es ein gutes Ende. Sie wollte immer Trost
und Zuversicht vermitteln, um ihre Leser nicht traurig zurückzulassen. Die schwedische Erfolgsautorin hat sich mit ihren
Figuren nicht nur in die Herzen junger Mädchen geschrieben, sie hat auch Zugang
zu den Jungenseelen gefunden. Neben Pippi Langstrumpf ist Michael aus Lönneberga,
übersetzt in 44 Sprachen, ihr meist verkauftes Buch. Astrid Lindgren zeigt in dem Buch, welche psychischen Folgen
sich aus körperlicher oder seelischer Gewalt gegen Kinder entwickeln können.
Michael aus Lönneberga wurde 1971 unter der Regie von Olle Hellblom verfilmt. Im
schwedischen Original heißt Michael übrigens Emil. Da es in Deutschland schon
einen Emil gab (Emil und die Detektiv) und man nicht wollte, dass die beiden
verwechselt werden, hat Emil in Deutschland den Namen Michael bekommen.
Trotz ihres weltweiten Erfolgs
wollte Astrid Lindgren nie die Macht von Ruhm und Geld spüren. So blieb sie all
die Jahre in ihrem geliebten alten Stadtviertel mit den alten Läden und den nahm am Leben der einfachen
Leute teil. Sie interessierte sich für alles – viele Details finden sich in
ihren Büchern wieder. Kraft hat sie immer wieder aus den Erinnerungen, ihrer
eigenen glücklichen Kindheit in einer intakten Familie und natürlichen Umwelt
geschöpft - so wie sie es in ihren Büllerbü-Büchern beschrieb.
Seit 1941 lebte Familie Lindgren in
einer geräumigen Wohnung in Stockholm. Auch nach dem frühen Tod ihres Mannes
1952 blieb sie hier wohnen. Sie hatte nie viel Aufsehen um ihre Person gemacht.
Ein Leben in Luxus hat sie nie gereizt. Zeitlebens setzte sie sich aktiv für
Menschenrechte, insbesondere für die Rechte der Kinder und den Tierschutz ein.
Obwohl sie die Ruhe und Einsamkeit schätzte, verfolgte sie immer aufmerksam das
Weltgeschehen und wusste ihren wachsenden Einfluss zu nutzen. So
kritisierte sie z.B. den absurden Spitzensteuersatz von 102 Prozent. In der Folge
wurde die sozialdemokratische Regierung unter Olof Palme nach 44 Jahren erstmals abgewählt.
Den alljährlich von der
schwedischen Akademie verliehenen Nobelpreis für Literatur hat sie nie bekommen,
aber sonst fast jede erdenkliche Auszeichnung. Kinderbücher galten eben lange
Zeit nicht als richtige Literatur. 1971 überreicht ihr die Akademie die große
Goldmedaille für Literatur. Das schwedische Königspaar eröffnete 1996 gemeinsam
mit Astrid Lindgren das Kinderparadies „Junibacken“, an dessen Konzept sie aktiv
beteiligt war. Die Vorstellungen von „Carlsson vom Dach und Pippi und ihre
Freunde sind täglich gut besucht.
1978 wird Astrid Lindgren in
Frankfurt mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Damit
wurde zum ersten Mal eine Kinderbuchautorin geehrt. Doch beinahe wäre es nicht
zu dieser Ehrung gekommen, weil sie ihre später so berühmte Rede „Niemals
Gewalt“ vorweg beim dortigen Komitee eingereicht hatte. Man war dort von dem
Inhalt nicht begeistert und hat Astrid Lindgren nahe gelegt, die Rede zu
verändern. Aber Astrid Lindgren hat darauf bestanden, dass sie die Rede so hält
oder gar nicht. Durch ihren Aufruf zu gewaltfreier Kindererziehung bringt sie
den Vorsteher des Börsenvereins und das konservative Publikum in arge
Verlegenheit, denn in Deutschland herrscht 1978 noch das Elternrecht auf
körperliche Züchtigung.
Auszug Ihrer berühmten Rede „Niemals Gewalt!“
Jenen aber, die jetzt so
vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich
das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine
junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte: "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben".
Im Grunde ihres Herzens glaubte sie
wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas
getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte,
die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und
selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der
kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend
zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast
du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen." Da aber fing auch die
Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des
Kindes. Das Kind musste gedacht haben, "Meine Mutter will mir wirklich
weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein." Sie nahm ihren
kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann
legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen
als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde
selber gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"
Quelle:
"Astrid Lindgren" Ansprachen anlässlich der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ISBN 3-7657-0820-8 (1978)
Die Schriftstellerin erhielt
durchschnittlich 50 Briefe pro Tag. Bei der Bewältigung der Korrespondenz halfen
eine Sekretärin und ihre Tochter. Zu ihrem
90. Geburtstag erhielt sie 16 Säcke mit Post, die die königliche Bibliothek
archiviert. Am 28. Januar 2002 verstarb Astrid Lindgren im Alter von 94 Jahren in ihrer
Stockholmer Wohnung, in der sie über 60 Jahre lang gelebt hatte. Zehntausende
Kinder und ihre Eltern erwiesen Astrid Lindgren in einem Trauerzug durch die
Stockholmer Innenstadt die letzte Ehre. Wie bei einem Staatsbegräbnis versammelten
sich zum Gottesdienst im Dom von Stockholm auch
König Carl XVI. Gustaf,
Königin Silvia und fast das komplette schwedische Parlament. Seit ihrem Tod verleiht die schwedische
Regierung jährlich den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis, der mit ca. 540.000
Euro der höchstdotierte Preis für Kinder- und Jugendliteratur weltweit ist.
Astrid Lindgren hat die Welt mit fröhlicher Verrücktheit und existentieller
Wehmut bereichert. Die berühmte Kinderbuchautorin aus Schweden wurde nicht nur
wegen ihres Talents zum Geschichtenerzählen geschätzt, sondern auch aufgrund
ihrer Menschlichkeit und Integrität, ihres Einsatzes für das Kinderrecht auf
Spiel und ihr Engagement für die Rechte der Tiere auf ein würdiges Leben. Ihre Mahnung „Kinder,
die nicht geliebt werden, werden Erwachsene, die nicht lieben können“, brachte
Königin Silvia von Schweden auf die Idee, eine weltweit tätige Kinderstiftung zu
gründen. Astrid Lindgren hat ihr Lebensziel erreicht: Die Rechte der Kinder zu
stärken und Jung und Alt aneinander näher zu bringen. Ihre literarischen Figuren
leben weiter – wohl für immer und weiterhin bekommt sie Post von ihren
begeisterten Lesern aus allen Erdteilen.
Anlässlich des 100. Geburtstag von Astrid Lindgren brachte die schwedische und
die deutsche Post eine Sondermarke mit einem Porträt der Kinderbuchautorin und
einer ihrer Kinderbuchfiguren (Michel aus Lönneberga) heraus. Die schwedische
Marke hat einen Wert von 11 Kronen, die deutsche von 1 Euro. In ihrem Geburtsort Näs wurde 2007 von ihrer Tochter Karin Nyman der Brunnen „Källa Astrid“
(Quelle Astrid) eingeweiht.
Nach dem Tod von Astrid Lindgren konnte man in unzähligen Zeitungen lesen, wie
sie die Erziehung, die Literatur, die Schweden - ja ein bisschen vielleicht die
ganze Welt und gewiss die der Kinder verändert hatte. Man begann das persönliche
Erlebnis des Lindgrenlesens Revue passieren zu lassen: wie Emil/Michel Linas
Zahn zieht, in der Suppenschüssel stecken bleibt und am Ende doch immer im
Tischlerschuppen Holzfiguren schnitzt, wie Ida auch mal Unfug machen will und
Jonatan und Skorpan/Krümel von der Apfelernte in Nangilima träumen, Bertils und
Nisses Bad im Marmeladenschälchen, Görans Straßenbahnfahrt, Pippis
Nicht-den-Boden-Berühr-Spiel und ihre Suche nach dem Spuk, wie Birk und Ronja im
Mattiswald die Wildpferde zähmen und Lotta den Weihnachtsbaum beschafft.
Situationen, in die man sich so gut hineinversetzen konnte oder gerne ein
bisschen hineingeträumt hat.
Astrid Lindgren hat in ihren Büchern aufgezeigt, dass auch Beziehungen und
Strukturen innerhalb der Familie in Frage gestellt werden dürfen (und allein das
Nennen der Eltern beim Vornamen scheint da irgendwie ein innerfamiliäres
Hierarchiesystem zu zerschlagen), dass Kinder die Möglichkeit und das Recht
haben sich zu wehren, wenn sie von den Eltern ungerecht behandelt werden.