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Ein Erlebnisbericht von Wolfgang Haase
Teil 1: Von Rostock nach Motala
In Schweden wird ein Radfahrer Cycler
genannt. Nun das bin ich lange Jahre nicht gewesen, aber angeregt durch so
einigre Radfahrer, die mir bei meinen Reisen durch Norwegen, Finnland und
Schweden begegnet sind, würde ich das gerne sein. Ein Sportler bin ich
wahrlich nicht, aber mich interessiert die Frage, ob man das jenseits von
50 vielleicht noch werden kann. Die mir begegneten
Langstreckenfahrradfahrer habe ich in den unterschiedlichsten Situationen
gesehen - sich gegen den Wind und Sturm stemmend, eingeregnet, allein an
Rastplätzen und dankbar aus einem Wohnmobil gereichte Tasse Kaffee.
Was ist so faszinierend an dem Stress, fragte ich mich und ich führte es
auf die Formel zurück: etwas ganz allein mit sich und gegen sich selbst
durchzuführen - ja faktisch obdachlos, nur mit Rad und Zelt loszuziehen
und der Kompassnadel Richtung Norden zu folgen. Eigentlich, außer am Ziel,
nirgendwo wirklich anzukommen, keinem anderen als dem eigenen Erfolgsdruck
zu unterliegen. Das war das Entscheidende für mich, die faszinierende
skandinavische Umwelt unverfälscht und hautnah zu erleben. Ich meinte,
allen Unkenrufen entgegnend "Mein Gott, das muss doch zu schaffen sein".
Fast ein Jahr Vorbereitung, viel trainieren, immer wieder verwerfen der
geplanten Route, das Zusammentragen der Ausrüstung, all das ist jetzt
beendet.
Nun,
was habe ich alles dabei? Am wenigsten Kleidung. Das habe ich so
zusammengestrichen, dass es in eine Packtasche passt. Am meisten Technik
für meinen Film: Videokameras, Ladegeräte, Fotoapparat, Minidiskrekorder,
etwas Licht, ein vollwertiges Stativ, viele schwere Akkus, Tele- und
Weitwinkelobjektiv, Digitalbänder, Stromadapter, Verteiler,
Fahrradwerkzeug, Ersatzteile, jede Menge Regenkleidung für mich und
die Taschen, Zelt, Isomatte, Schlafsack, Gaskocher, Regengarmaschen,
Handschuhe, Klebebänder und und und. 45kg - das ist nicht nur eine Zahl,
sondern ein ernst zu nehmendes Problem bei Hügeln und Bergen.
Zurückblickend kann ich aber sagen: für mein Vorhaben, den Polarkreis zu
erreichen, brauchte ich irgendwann fast alles, was ich dabei hatte. Aber
unterwegs habe ich es verflucht.
Jetzt, am 29. Mai 2004, geht es los. Mit der Fähre 'Delphin' von der schwedischen
TT-Line
beginnt meine Reise. Wie es aber am Ende kommt - ich weiß es nicht. Ich
bin neugierig, sehr gespannt und hoffe auf schöne Zeiten, gute Kontakte
und dass es mich möglichst weit bringt.
All meine Streckenplanungen waren schon in Trelleborg Null und nichtig.
Ich wollte eigentlich die E 108 benutzen, aber Verbotsschilder untersagten
die Benutzung durch Fahrräder. Zähneknirschend ergab ich mich dem Radweg
nach Ystad und brachte erst einmal diese 60 km hinter mich. Natürlich,
dies ist bei sonnigem Wetter eine Traumstrecke. Die Ostsee, Leuchttürme,
aber meine Strecke ist pfutsch. Mehr als ein Dutzend Mal bin ich in
Trelleborg angekommen, jedoch noch nie mit dem Fahrrad. Um Himmels Willen,
eine neue Route muss her.
Ystad aber ärgert mich nicht. Es ist die Wirkungsstätte von Kurt Wallander,
jenem Kultpolizisten aus einem guten Dutzend Romanen von Henning Mankell.
Ich kenne sie mittlerweile alle. Also schau ich mich hier erst einmal um,
ehe ich am Abend am Campingplatz von Ystad ausgeraubt werde. Nein, nicht
wirklich. Mein winziges Zelt nimmt ganze 2 m2 in Anspruch. Die
Campingplatzgebühr dafür sind stolze 100 Kronen, etwa 11 Euro. Aber nicht
genug, ich darf überhaupt erst auf den Platz, wenn ich die schwedische
Campingkarte gekauft habe. Also noch einmal 90 Kronen. Eilig bringt man
mich auf einen Platz zwischen Wohnmobilen, Campinganhängern und Autos.
Mein Zelt wird aus den Fenstern mitleidig beäugt. Passt der da überhaupt
rein, kann so etwas schön sein?
Auch am nächsten Tag ist das Wetter schön und ich fahre weiter Richtung
Norden. Aber der späte Abend und die Nacht kommen, jedoch kein
Campingplatz. Egal, ein See, etwas Rasen - perfekt. Ein wunderbarer
Nachthimmel begleitet mich in den Schlaf. Der nächste Morgen - alles ist
fantastisch, das Wetter ist einfach nicht zu verbessern. Also weiter. Das
Tagesziel ist ein Campingplatz in Urshult. Alles ist wie ein wundervoller
Traum, aber gegen Mittag zieht dann Wind auf - Nordwind, also Gegenwind.
Was ich hier aber noch nicht weiß, er wird mich von nun an fast täglich
begleiten und vom Kräfte raubenden Ärgernis zum echten Problem werden.
Heute, an diesem ersten Tag kostet es erheblich mehr Kraft. Viel später
als vorgesehen erreiche ich den Campingplatz. Sein Verwalter ist längst
nicht mehr da. Egal, ich werde am nächsten Tag zahlen. Ohne große
Umschweife verkrieche ich mich in mein Zelt. Ich bin geschafft - mehr als
60 km heftiger Gegenwind fordern halt ihren Tribut.
Ich gehe gerne auf Campingplätze, aber nicht auf die großen kommerziellen.
Es lässt sich zwar manchmal nicht umgehen, aber heimisch fühlt man sich
dort nicht. Urigkeit finde ich nicht in Duschbatterien mit Münzeinwurf, wo
Wohnmobil neben Wohnmobil steht. Die von allen möglichen Organisationen
getesteten Plätze mit sonst wie vielen Sternen interessieren mich nicht
die Bohne, sondern nur die Naturplätze mit dem Betreiber, der seine Gäste
individuell und unverstellt betreut.
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Irgendwann sind die mitgebrachten Lebensmittel verbraucht.
Einkaufen ist
dann angesagt. Also man steht mit einem voll gepackten Fahrrad vor einem
Supermarkt. Ja, was nun - wie sichert man die Werte, die die 45 kg
darstellen? Darauf gibt es nur eine Antwort: gar nicht! In den ländlichen
Gebieten Norwegens und Schwedens hat faktisch niemand ein Fahrradschloss.
Man stellt es am Buswartehäuschen oder sonst wo ab und sieht eben nur zu,
dass es nicht umfällt. Selbst den Sturzhelm hängt man nur an dieses
Fahrrad. Niemand wird hier irgend etwas stehlen.
Der nächste Tag war nicht mein Tag. Auf allen Dorfstraßen kläfften mich
hinter jedem Zaun ein Hund an. Aber es sollte noch schlimmer kommen. Im
Bemühen, nicht die verkehrsreiche E 30 zu fahren, weiche ich auf
Landstraßen niedrigster Ordnung aus. Alles wirkt logisch und ich umfahre,
ja umkämpfe einen endlosen See. Irgendwo erwarte ich einen Abzweig
Richtung Norden, der aber nicht kommt. Die wenigen Abzweigungen verweisen
auf Orte, die nicht in meiner Karte stehen. Denen folge ich auch nicht.
Nach 42 km und fast 5 Stunden, ich kann es nicht fassen, bin ich wieder am
Ausgangspunkt. Ich sitze lange im erst besten Buswartehäuschen und es
kostet so einige Kaffee, bis ich mir sage: weiter du Trottel, hast den
ganzen Tag verloren, aber nicht die ganze Tour. Schließlich fahre ich
zurück nach Lamhult. |
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Der ausgewiesene Campingplatz ist verschlossen und erweist sich als Bade- und
Zeltwiese. Drei Biker finden mich und retten meine Laune, indem sie mir den
Yachthafen des Ortes zeigen. Ich werde den Tag hier beschließen.
Zu essen habe ich auch so gut wie nichts. Dieser Tag führte mich an keinem
Geschäft vorbei. Der nächste Tag gelingt mir gut, trotz des ersten Regen
auf dieser Fahrt. Ich erreiche am frühen Abend einen See vor Eksjö.
Zufrieden, aber auch ein bisschen geschafft, setze ich mich an einen Tisch
am See. Unerwartet kommt ein Mann auf mich zu und bringt mir ein frisch
gegrilltes Steak - einfach so. Er ist aus Dänemark mit seinem Hund Bimbo.
Ich sehe so aus, als könne ich das gut gebrauchen und sie hätten sowieso
eines zuviel gegrillt. Später erfahre ich von ihm, dass der See dem
schwedischen Angelverband gehört und zelten ohne Entrichtung von 120
Kronen Angelgebühr nicht gestattet ist. Aber im Laufe des Abends kommt ein
Verwalter und erklärt mir und meinem dänischen Freund knapp und über mein
Zelt schmunzelnd: so lange dieses Zelt so klein ist, kann es über Nacht
ruhig hier stehen. Gegen 3:00 Uhr erwache ich und betrachte den
See, über
den der Morgennebel zieht. Aber ich werde besser noch etwas schlafen.
An diesem Tag will ich einige der vorgestern verlorenen Kilometer
aufholen. Die ersten 50 km dieses Tages waren harte Arbeit. Es ist kein
bergiges Land hier, aber es geht ständig zwischen Null und 300 Meter rauf
und runter. 39 km habe ich noch vor mir. Wer so eine Reise antritt, muss
wissen, dass es nicht auf ebener Strecke ans Ziel geht. Die große
Belohnung nach so einer Fahrt ist einfach nichts zu tun, hören wie die
Vögel zwitschern, den Wind zu hören, der einmal nicht gegen mich ist und
einfach nichts zu machen. 3 Akkus sind leer, ich muss Wäsche waschen und
an ein Bett denke ich wie an einen Palast. Mein Entschluss steht fest:
heute fahre ich in ein vadrarhem. Es liegt nur einige Kilometer abseits
meiner Strecke. Es sollte in jeder Hinsicht ein super Abend werden.
Auf meiner nächsten Teilstrecke liegt Motala vor mir. Wie ich sehen werde,
eine der schönsten Städte auf der ganzen Tour. Die Sonne scheint, der
Himmel ist strahlend blau und die Menschen zieht es in die Parks. Eine
Atmosphäre von genießerischem Vergnügen liegt über der Stadt. Die
Geschäfte haben auf und ich kann mir einige Leckerbissen kaufen. Nach 3
Stunden kann ich mich nur mit Mühe aufraffen, um Motala zu verlassen. Hier
aber will ich wieder herkommen - irgendwann, ganz sicher.
Nach 85 km harter Fahrerei heute, bin ich am Rastplatz Hammarsundet, einem
der schönsten Plätze, die ich in Schweden kenne, angekommen. Ich war hier
bereits vor 2 Jahren einmal, aber es ist nichts mit dem Wohnmobil hier
anzukommen, gegen eine Ankunft mit dem Fahrrad, die man sich mühsam
erkämpft hat. Allein hier zu sitzen und die Atmosphäre zu genießen ist
einmalig. Es ist schon spät und ich beschließe hier zu übernachten. Gegen
7:00 Uhr erwache ich. Die hier gebauten Sanitärhäuschen haben nicht nur
Toiletten sondern sogar Warmwasser. Alles ist Bestens und mit einem guten
Frühstück soll mein nächster Tag beginnen.
© Wolfgang Haase
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