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Mit dem Fahrrad an den Polarkreis

Teil 3:  Von Östersund über die Berge nach Norwegen

Ich will heute nach Östersund, dass sind jetzt noch 65 km. Gut 20 km weiter treffe ich an einem Supermarkt auf 3 gutgelaunte Männer, die Bier gekauft. Bis jetzt hab ich auf meiner Tour kaum etwas vom Rest der Welt mitbekommen. Ach ja, da war doch noch was - die Fußballweltmeisterschaft läuft ja. Von den Männern erfahre ich, dass Deutschland heute gegen Holland antritt.

Rüdi und Wolfgang mit einem EspressoIm Nieselregen bau ich mein Zelt auf einem riesigen Campingplatz auf, als unerwartet ein Biker vor mir steht und mit einer Nudeltüte wedelt. Im reinsten Swizerdütsch fragt er mich, ob ich an seinem Nudelessen teilhaben möchte, es sei viel zuviel für ihn. Es ist Rüdi, der mit seiner Maschine am Nordkap war - auch allein. Nur eine, für ihn unverzichtbare begleitet ihn - seine Espressomaschine. Rüdi ist eine Seele von Mensch und es ist nach den Tagen des einsamen Stemmens gegen den Sturm eine unglaublich schöne Begegnung. Mir wird nach den wenigen Stunden der Abschied schwer fallen. Aber ich nehme mir vor, Rüdi, dem sein vorzüglicher Schweizer Käse fehlt, irgend wann einmal zu besuchen. Das mit der Espressomaschine fand ich übrigens super. So bekam ich nach dem ewigen Pulverkaffee mal einen richtigen Espresso. Denn alle Dinge, die man liebt und so rar sind, werden zur Delikatesse. Danke Rüdi und Grützi.

Nach einer sehr stürmischen Nacht und einem ebenso stürmischen Morgen ist jetzt gegen 12:00 Uhr fast Frieden eingekehrt. Ich bin auf der Straße 340 in Richtung Norwegen. Endlich scheint auch wieder die Sonne, so dass sich mein Solarladegerät mal wieder mit dem fast leeren Handy befassen kann. Ich rieche, spüre und fühle es - Norwegen kommt näher. Die Landschaft wird herber, ursprünglicher. Die wilden Ströme kommen, auf den Bergen liegt noch letzter Schnee und ich merke hier, dass mein Gejammer über die harten Strecken geringer wird. Ich habe mich wohl daran gewöhnt, wie der Mensch sich so auf gänzlich veränderte Lebensverhältnisse einstellen kann. Nicht das ich nun ein besserer Radfahrer wäre, das natürlich nicht, aber ich akzeptiere die Härten besser - und dauert es auch länger und fließt auch der Schweiß, ich werd das schon packen, reg dich nicht auf, fahr weiter.

Zwar könnte ich die letzten 10 km auch heute noch schaffen, aber nein, das Verlassen Schwedens und das Betreten Norwegens will ich frisch und mit allen Sinnen erleben. Trotz 16 Reisen nach Norwegen kenne ich diesen Grenzübergang übrigens noch nicht - was es für mich noch reizvoller macht.

Ich hatte hier eine sehr ruhige Nacht, hatte aber hier auf dem letzten Campingplatz in Schweden jemanden kennen gelernt. Tom, ein Globetrotter, der als Matrose 30 Jahre um die Welt gefahren ist, 10 Jahre auf Spitzbergen gelebt hat und noch mit 70 sich hier auf dem Campingplatz Kronen für sein Leben verdient. Auch mit langen Reden hat es nichts genutzt - Tom wollte nicht vor die Kamera. Ich habe wirklich alles versucht, aber er sagt: die Kamera zerschneidet sein Leben. Es gibt nur einen auf der Welt, der ein Foto von ihm hat und das ärgert ihn bis heute. Mit Tom zusammen habe ich heute früh schon um 7:00 Uhr Kaffee und Whisky getrunken und wirklich spannende Geschichten aus dem Norden gehört, die er erlebt hat.

An dieser Stelle verlasse ich nun Schweden nach alles in allem 20 Tagen. Schweden war ein gutes Gastland. Bis auf 2 völlig unbedeutende Fälle sind mir nur freundliche Menschen begegnet. Der Süden war gepfropft mit den Problemen des großen Verkehrs. Mittelschweden und der Beginn des Nordens hier oben waren schön - bis auf die 3 schweren Tage, gemeint ist das Wetter, der Sturm, der Wind, der Hagel, der Regen. An die 1500 km liegen bereits hinter mir. Meine verfügbare Zeit ist leider begrenzt. Das Nordkap, so viel ist sicher, werde ich nicht ereichen. Aber einen Punkt muss ich, muss ich wirklich ereichen - Grovfjord. Das liegt gut 450 km im Polarkreis. Ich will mich dort in 10-12 Tagen mit meinen Freunden treffen und mit ihnen wieder nach Deutschland zurückreisen. Elimar und Familie sind mit einem Wohnmobil durch Schweden und Finnland gefahren und auf dem Weg dorthin unterwegs. Eberhard fährt mit einem Auto von Deutschland nach Grovfjord. Gemeinsam haben wir den Wunsch mit Bodil und Paul 2-3 schöne Tage zu verleben. Ich will alles tun, um die bis dorthin noch zu fahrenden 900 km zu schaffen. Wird es gelingen?

Nun bin ich also in Norwegen, im Land der Berge, der Fjorde und der mehr als 21.000 km langen Küste. Bis zu dieser jedoch ist es noch weit. Seit Östersund in Schweden geht es wirklich über Berge von 1000 Meter. Sie zu überqueren ist offensichtlich nicht die Standardroute der Radfahrer. Bislang ist mir überhaupt noch keiner begegnet. Dafür so mancher Biker, der mit erhobenem Daumen signalisiert: Junge, du hast Mut. Da wo ich herkomme, willst du mit dem Fahrrad hin? Ich beschließe für mich, solche Zeichen nicht zu dramatisieren.

Immerhin, das Wetter ist sehr schön, niemand steht hier mit einer Stoppuhr und wie der Berliner sagt: Mit Geduld und Spucke fängst du jede Mucke. Außerdem folgt jeder Tortour nach oben eine von mir als sehr gerecht empfundene Abfahrt. Ich werde später nach dieser Reise von vielen gefragt werden, ob ich es nicht als unangenehm einsam empfunden hätte, so viel Zeit völlig allein gewesen zu sein. Hier oben in den Fjälls wird mir dazu klar - nein, ich genieße es, diese gigantische Natur allein zu erleben, ja zu verinnerlichen. Noch in Jahren werde ich wohl genau das als das intensivste Erlebnis meiner Fahrt bewerten.

Heute heißt es, die knapp 70 km bis Grong erst einmal zu bewältigen. Vorgestern hat mich ein älterer Norweger sehr vor dieser Strecke gewarnt. Diesmal nicht, weil es soviel Verkehr wäre - es ist fast gar nichts, es sind gerade mal 5 Autos heute Vormittag hier vorbeigekommen - sondern der Berge wegen. Es geht mehrere Male über 1000der Berge hoch in die Tundra, in die fast baumlose Gegend. Eine fantastische Strecke - die ersten 25 km jedenfalls, dem Fluss folgend, flach und sonnig. Aber dann, binnen weniger Minuten zieht der Himmel zu, kommt heftiger Wind auf und alles deutet auf Regen hin. So sehr, wie nie zuvor, trete ich in die Pedalen. Vor Grong kommt allemal nur ein winziger Ort. Bushäuschen - Fehlanzeige! Nur Felsen und mitunter Wald. Die positive Folge dieser schnellen Fahrt - ich bin gut 1,5 Stunden vor meiner Planung in Grong.

Ich war gegen 16:00 in Grong und hab mich sehr darüber gefreut, wollte noch einige Kilometer herausfahren, aber das war leider nicht möglich. Nach 5 km auf der E 6 hab ich voller Angst aufgegeben. Diese Straße hat keinen Randstreifen, ist voll gestopft mit Lkw's und es passen einfach nicht 2 Fahrzeuge und ein Fahrrad nebeneinander. Ich hab das dann eingesehen und gebe zu, nicht ohne Angst, bin ich die ganze Strecke zurückgefahren und habe dann in Grong auf dem großen Campingplatz übernachtet. Der Campingplatz war teuer, man wollte sogar fürs Duschen 10 Kronen, obwohl schon 100 Kronen für ein so winziges Zelt wirklich eine achtbare Summe sind. Pflichtsprache auf dem Platz war Deutsch - gerammelt voll - nicht mein Ding. Dazu habe ich viel zu schöne Gegenden in der Einsamkeit erlebt.

© Wolfgang Haase

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