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Mit dem Fahrrad an den Polarkreis

Teil 4:  Küstenstraße A 17 von Grong nach Bodö

Mein Ziel heute heißt, auf die A 17 zu kommen. Höchstwahrscheinlich versuche ich aus der Not eine Tugend zu machen und die ganze A 17 bis Bodö zu fahren. Dazwischen liegen 6 Fähren. Dann über die Lofoten bis zu den Vesterålen und schließlich bis nach Grovfjord zu kommen. Jetzt setzt doch recht heftiger Regen ein. Ich bin jetzt 49 km gefahren, aber der Regen will und will kein Ende nehmen.

Fahrradtor im RegenAuch der neue Tag beginnt so, wie der alte geendet hat. Es hat die ganze Nacht geschüttet. Eine winzig kleine Pause des Regens konnte ich gerade nutzen, um mein nasses Zelt einzupacken. Es sieht nicht gut aus für heute und ich bin dem gestrigen Tag zu meiner Planung über 20 km schuldig geblieben. Aber ich hab ja gestern gesehen, dass sich so ein Wetter innerhalb kurzer Zeit vollständig ändern kann. Unterwegs treffe ich auf einige Globetrotter, die ebenfalls bei diesem Wetter mit dem Fahrrad unterwegs sind. 1 km vor Holm finde ich dann einen wunderschönen Campingplatz, auf dem ich als einziger Gast übernachte. Das einzige Geräusch, was mich in der Nacht wach macht, war das Getrampel der Hufe eines Elchs.

Am nächsten Tag geht es dann auf der Reichsstraße 17 weiter und mit der ersten Fähre nach Vendesund auf die Halbinsel Vik, die einzigartig schön ist. Die Vielfältigkeit der Gebäude ist ebenso schön, wie die bizarre Kargheit der Landschaft. Das Leben geht hier sehr ruhig seine Wege. Von hier sind es noch 25 km bis zum nächsten Fähranlegeplatz in Horn. Das Wetter ist gut und die Landschaft einmalig. Die Fähre bringt mich dann von Horn nach Anndalsvågen. Obwohl ich die flache Strecke sehr genieße und schnell voran komme, stehe ich am nächsten Hafen von Vevelstad wieder mal da. Heute fährt kein Schiff mehr rüber.

Nach einiger Sucherei nehme ich für die Nacht den wohl ungewöhnlichsten Platz für mein Zelt. Die Fläche ist die einzige im gesamten Umfeld. Während sich gewöhnlich nach 24:00 Uhr hier überhaupt nichts mehr tut, finden mich im Zelt noch einige Jugendliche des Ortes und stehen plötzlich lachend mit ihren Mofas da. Aber es dauert nur wenige Minuten, dann holt mich mein Schlaf ein.

Am nächsten Mittag komme ich dann in Sandnessjöen an. Das liegt in der Region Helgeland. 'Sju søstre' (Sieben Schwestern) heißt hier diese Bergkette. Ihr Name geht auf eine Sage zurück. Eine modere Fassung hiervon besagt, dass 7 Trollschwestern zu lange in einer Bar in Sandnessjöen herumgesumpft haben. Schließlich erwischte sie der Sonnenaufgang und augenblicklich versteinerten die Damen.

An einem Supermarkt mache ich Pause und esse. Dann aber weiter, die Taschen voll mit Proviant, den Bauch gefüllt, folge ich der Reichsstraße 17. Ich war hier schon einige Male. Die Helgelandsbrücke sehe ich nicht zum ersten Mal, dennoch fasziniert sie mich immer wieder aufs Neue. 1100 Meter ist sie lang und überspannt in zauberhafter Form den Fjord. Eine weitere Fähre bringt mich auf das wunderschöne Nesna. Bei diesem Wetter wäre es ein guter Grund hier zu bleiben und den Atlantik und die Atmosphäre der Küste zu genießen. Mir bleibt aber dazu nur eine Nacht. Obwohl es einer der großen Campingplätze ist, spürt man dies kaum. Die wenigen Zelte haben ihre eigene Wiese, die Sanitäreinrichtungen sind vom Feinsten und mit Wasserrutsche, Pub und Shop bietet dieser Platz wirklich viel.

Am nächsten Morgen heißt es jedoch: einpacken und weiter. Die Richtung ist Bodö und vor mir liegen noch gut 165 km.

Seit eineinhalb Stunden schiebe und stemme ich mein Fahrrad gegen den Berg. Er kam für mich relativ unerwartet. Auf meiner Karte ging ein solches nicht hervor. Ich hoffe, dass in 1 km diese Ansteigungen hier zu Ende sein werden. Ich komme kaum voran, es ist brühend heiß und ich bin umzingelt von tausenden von Fliegen, deren Lästigkeit man überhaupt nicht beschreiben kann. Also, das ist heute Morgen alles andere als Vergnügen, das ist richtig hammerharte Arbeit. Gegen 23:00 Uhr kam ich erst am Campingplatz 'Flo & Fjære' an. Nach einer durchregnenden Nacht lerne ich am Morgen die hübsche Lisa kennen, die mir zuerst einen Kaffe spendiert, ehe sie mir nicht ohne Stolz erzählt, dass der erst vor einem Jahr von ihren Eltern erworbene Campingplatz sich in einer so begnadeten Lage befindet, dass die Zeitschrift GEO diesen Platz zu seinem Titelbild machte. Lisa hilft hier ihren Eltern, wie sie sagt genau wie sie das Leben und Treiben auf einem Campingplatz gerade erst lernen.

Weiter Richtung Bodö, die Zeit drängt. Die Berge nehmen kein Ende. Den Polarkreis überquere ich mit einer Fähre. Wer immer diese Pavillons hier hingestellt hat, ich hab so etwas in Norwegen überhaupt noch nicht gesehen. Wer immer das hierher gestellt hat, den könnte ich heute umarmen. Ich hab jetzt an die 40 km ausnahmslos im Regen, ausnahmslos stimmt nicht, im Tunnel hat es nicht geregnet, aber dafür war es im Tunnel so was von kalt und gleichfalls nass und auf manchen Strecken im Tunnel neblig oder diesig. Einfach toll, wenn man hier rauskommt und findet eineinhalb Kilometer weiter diese Pavillons, die auch wirklich trocken sind, um ein Käffchen zu kochen. Ein riesiges Herz für Radfahrer muss derjenige gehabt haben, der diese Pavillon gebaut hat - vielleicht weiß er es nicht einmal.

Samstag 17:00 Uhr, der vorletzte Fährhafen vor Bodö. Ziemlich durchnässt stehe ich vor dem Fahrplan und muss lesen, dass heute nur noch eine einzige Fähre abgeht - in mehr als 4 Stunden erst. Ich muss meine jammervolle Ratlosigkeit wohl überdeutlich zum Ausdruck gebracht haben, als der Techniker der Fähre mich sieht. Zunächst bietet er an, die Wartezeit auf dem Schiff zu verbringen. Aber mehr noch - er verzichtet auf einen Teil seiner Freizeit, überredet den Kapitän und zeigt mir das Schiff. Es ist vor 7 Jahren in Norwegen gebaut worden. Er zeigt mir geduldig Maschinenraum und Brücke und so verfliegt die Zeit rasch und interessant. Natürlich Per, werde ich auch dir diesen Film zusenden.

Heute ist Sonntag und ich hab darüber bisher noch nicht gesprochen: seit annähernd 30 Tagen fahre ich jetzt jeden Tag 70-80 km Fahrrad. Dabei schiebe ich brav die Berge hoch, racker mich ab und find das alles auch ganz schön, aber an so einem Sonntag hätte ich unheimlich gern frei. Aber das geht heute nicht, das geht die ganze Zeit schon nicht. Ich hab nur noch 5 Tage, um in diesen 5 Tagen nach Grovfjord zu kommen, wo ich mich mit meinen Freunden treffen möchte. Dort ist ein wundervoller Campingplatz und meine Freunde Elimar und Eberhard kommen unabhängig voneinander, über verschiedene Wege gleichfalls dort hin. Um dort 2 gemeinsame Tage zu haben, muss es unbedingt gelingen, innerhalb der nächsten 5 Tage dorthin zu kommen. Aber es ist ein schwieriger, verregneter Tag und noch um 1:00 Uhr in der Nacht bin ich unterwegs. Ich finde absolut keinen Platz für mein Zelt. Nur Felsen, sumpfiges Gelände und Wasser. Zu guter letzt stehe ich noch vor einer 3,5 km langen Strecke mit einem 12%igen ansteigenden Gefälle und 3 Tunnel. Es ist weit nach 2:00 Uhr, als ich schließlich einen Miniwald finde.

Im HochlandDer nächste Tag beginnt wettermäßig traumhaft. Alles ist wie ausgetauscht, es ist regelrecht heiß geworden, kaum ein Lüftchen weht und eigentlich könnte es jetzt problemlos über die letzten 80 km nach Bodö gehen. Aber die Nacht in den Tunneln hat mir ein echtes Problem beschert. Irgend etwas stimmt mit meinem rechten Knöchel nicht. Ich bin von einem Stück Asphalt, als dieses abbrach, abgerutscht. In der Nacht ist der Knöchel geschwollen und ich muss viele Pausen einlegen, um ihn zu behandeln. Laufen ist fast nicht mehr möglich. Radfahren geht schon eher.

Als ich dann vor der Brücke über den Saltstraumen stehe, ahne ich Schlimmes. Ich will das ja ehrlich zugeben, fast eine dreiviertel Stunde brauche ich, um sie zu überqueren. Da ich seit vielen Jahren aus Prinzip niemals zum Arzt gehe, außer zum Zahnarzt, meine ich, eine Nacht Ruhe würde schon genügen, um das Ärgste zu beheben. Aber es steht fest, die Schmerzen gefährden ernsthaft meine Ankunft in Grovfjord. Es sei denn, ich erreiche doch noch heute Bodö, gebe mir dort die Ruhe und finde morgen ein Schiff, dass bis nach Svolvær auf die Lofoten fährt, also auch noch mal viel Zeit und Ruhe gibt. Ich ignoriere die Schmerzen so gut es geht und erreiche gegen 21:00 Uhr Bodö. Ich scheine eine Glückssträhne zu haben, denn schon auf dem Campingplatz hilft man mir ein Schiff der Hurtigrute zu finden.

Die Nacht und die Fahrt mit ihm werden mir mehr als 30 Stunden Ruhe geben und dann hoffe ich die 180 km bis Grovfjord in 2 Tagen doch noch zu bewältigen. Und noch etwas - dieses Schiff fährt sogar in den Trollfjord ein. Überaus glücklich und mit bandagiertem Knöchel schlafe ich schließlich ein. Ja, da geht er in Erfüllung, mein Traum vom Trollfjord. Ich bin ihm mindestens heute nicht würdig. Mein Knöchel lässt mir keinen Platz für Socken im Schuh - und das auf diesem Schiff. Ich drücke mich in einen Sessel und halte meine Beine möglichst hinterm Rucksack versteckt. Als es jedoch die obligatorische Trollsuppe, eine Erbsensuppe gibt, ist mir das egal. Ich bin mir sicher, niemand hat sie hier so genossen, wie ich. Aber eines weiß ich schon - der nun schon eigenartig gefärbte Knöchel wird nicht besser. Ich beneide die Schiffsreisenden. Von denen muss niemand um 4:00 Uhr auf einem Fahrrad 128 km absolvieren. Als ich von Bord gehe, sind diese Glücklichen in ihren Kojen.

 

© Wolfgang Haase

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