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Schwedens Neutralitätspolitik

Den besten Einblick in diese Vorgeschichte unserer heutigen Politik erhalten wir in ein paar Schriftstücken vom Januar 1834. Das erste Dokument ist ein am 4. Januar 1834 datiertes vertrauliches Memorandum, dass Karl Johann der englischen und der russischen Regierung überreichen ließ. Der Hintergrund war die Nahostkrise zwischen England und Russland, von der man allgemein annahm, sie könne zum Krieg führen. Dazu kam es nun nicht, aber Karl Johann betrachtete es als klug, rechtzeitig eine Erklärung abzugeben, die er "eine förmliche Erklärung meines Systems strikter und unabhängiger Neutralität" nannte. Zu dieser Zeit war die Neutralität noch kein schwedisches Ziel, das im Ausland bei einem europäischen Konflikt als selbstverständlich betrachtet wurde. Die Krise von 1834 gab Karl Johann einen Anlass, seine Politik den beiden Großmächten, die die wichtigste Rolle in Nordeuropa spielten, in grundsätzlichen Worten zu erklären.

Zunächst erinnerte Karl Johann daran, dass Schweden durch den Verlust von Finnland im Jahre 1809 und die Vereinigung mit Norwegen 1814 eine fast insulare Macht geworden sei. Die skandinavische Halbinsel sei durch Meere im Westen, Süden und Osten vom übrigen Europa getrennt. Die Grundlagen unserer Politik seien unsere geographische Lage und die reellen Interessen, die durch unsere innenpolitischen Verhältnisse bestimmt würden. Schweden, fuhr der König fort, habe alle Illusionen aufgegeben, die seine Ruhe gefährden und seine Existenz aufs Spiel setzen könnten. Wir hätten endgültig auf die Provinzen im Osten und Süden verzichtet, die uns durch den Ausgang der Kriege genommen worden waren. Unser Bestreben sei, bei den beiden Mächten, die am meisten für uns bedeuteten, das gleiche Vertrauen für unsere loyale Haltung zu schaffen. Wir wollten die uns von ihnen erwiesene Freundschaft vergelten.

Wir können keinen anderen Wunsch hegen, als wir selbst zu sein, wenn wir unsere Politik bestimmen, wir selbst zu sein, wenn wir unsere Unabhängigkeit aufrechterhalten, und klar unsere Meinung sagen, eben deshalb, weil wir keine Hintergedanken haben.

Im Falle eines Konflikts zwischen England und Russland würden Schweden und Norwegen im voraus verlangen, völlig aus dem Konflikt herausgehalten zu werden, hob Karl Johann hervor. Durch eine strikte Neutralität gegenüber beiden Parteien erhöben wir Anspruch auf Respekt und die Wertschätzung unserer Haltung. Diese Politik hätten unsere Gesandten in London und St. Petersburg schon vorher gegenüber der englischen und der russischen Regierung näher erklärt. Unser Neutralitätssystem sei eng verbunden mit den Interessen und der nationalen Unabhängigkeit Schwedens und Norwegens. Es dürfe nicht durch vorübergehende Schwankungen nach den jeweiligen Konjunkturen des Augenblicks beeinflusst werden.

Kurze Zeit danach konnte Karl Johann dem Geheimen Ausschuss des Reichstags berichten, dass sein Ansinnen von den beiden Großmächten gut aufgenommen worden war. Alles deutete darauf hin, dass sie unsere Rechte und Interessen zu respektieren beabsichtigten. Gleichzeitig gab Karl Johann vor dem Ausschuss ein ausführliches und persönlich gefärbtes Expose über seine Gesichtspunkte zur schwedischen Außenpolitik von der Zeit an, als er im Herbst 1810 als Kronprinz nach Schweden gekommen war. Im Stil der Zeit erinnerte er zuerst an seine französische Abstammung und das starke Gefühl der Franzosen für die Unabhängigkeit ihres Landes. "Das Gefühl nationaler Selbständigkeit, das meinem Herzen eingeprägt war, mit welcher Freude habe ich es nicht in der Gesinnung des schwedischen Volkes, in dessen historischen Erinnerungen und in dessen Sitten wieder gefunden." Für dieses Ziel wollte er seinem neuen Vaterland dienen. Gelegenheit dazu hätte es schon bei seiner Ankunft in Schweden gegeben. Die Ursache seien die Bestrebungen Napoleons gewesen, ganz Europa unter sein Joch zu beugen. Er verletzte Schwedens Rechte und bedrohte die Ehre und Selbständigkeit des Landes. Dies konnten weder Karl Johann noch die schwedische Nation gestatten. Die Folgen seien allgemein bekannt, sagte Karl Johann. Damit bezog er sich auf die erfolgreiche Beteiligung Schwedens am Krieg gegen Napoleon von 1813 bis 1814 unter seiner Leitung.

Hinsichtlich der aktuellen Krise zwischen Russland und England hob Karl Johann die wichtigen Interessen hervor, die Schweden und Norwegen bei jeder der beiden Großmächte, zwischen denen es gelegen war, zu bewachen hatte. In Bezug auf Russland muss man seine Nähe, seine große Überlegenheit an Kräften und schließlich einige positive Handelsinteressen in Betracht ziehen. An England wiederum werden wir durch unser ganzes Industrie- und Handelssystem wie auch durch unsere Seeverteidigung gebunden.

Vor diesem Hintergrund habe er sich veranlasst gesehen, sowohl gegenüber Russland wie gegenüber England "eine förmliche Erklärung meines Systems strikter und unabhängiger Neutralität" abzugeben. Durch Redlichkeit und Treue zu eingegangenen Verpflichtungen hatten wir laut Karl Johann eine Anerkennung unseres Neutralitätssystems vorbereitet. Eine einfache Erklärung der Neutralität sei jedoch nicht ausreichend, wenn man nicht den Willen habe, sie aufrechtzuerhalten, und ausreichende Mittel, sie zur Geltung zu bringen. "Diesen Willen besitze ich, diese Mittel kann ich nur bei der Nation finden." Karl Johann erinnerte daran, wie wichtig es sei, das Land gegen jede Überraschung zu sichern. Er nahm ausführlich durch, was zu tun sei, um die Befestigungswerke an unseren Küsten in Stand zu setzen. Er hatte Mittel beantragt, die sich auf das streng Notwendige beschränkten. "Es ist Sache der Vertreter der Nation, diese Mittel zu bewilligen, wenn sie das Land vor einem möglicherweise eintreffenden feindlichen Angriff bewahren wollen".

© Krister Wahlbäck

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