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Die sonnenblonde Schwedin
mit den himmelblauen Augen ist in der schwedischen Wirklichkeit seltener als im
Film — kaum eine von fünf Frauen entspricht diesem Klischee. Aber das wasser-
und waldreiche Land begünstigt ein naturnahes, gesundes Leben, und an den
sommerlichen Badestränden kann man beobachten, wie sehr diese Voraussetzungen
der schwedischen Frauenschönheit zugute gekommen sind.
Auch in dieser so aufgeklärten und fortschrittlichen Gesellschaft, in der man die meisten
konventionellen Tabuvorstellungen schon überwunden hat, gibt es noch schwelende
Vorurteile und verdrießliche Ungerechtigkeiten, die im raschen Vormarsch der
sozialen und politischen Emanzipation zurückgeblieben sind. Dem ausländischen
Beobachter scheint die selbständige, unabhängige Stellung der schwedischen Frau
beneidenswert. Die Schwedinnen selbst sind wohl stolz auf ihre Erfolge, aber sie
sind noch nicht voll zufrieden, kämpfen erbittert gegen die Doppelmoral und
die Überreste der männlichen Privilegien in der Gesellschaft, auf dem
Arbeitsplatz, in der Ehe, im Sexualleben. Sie protestieren gegen die
zurückhaltende Einstellung gegenüber weiblichen Technikern, Vorarbeitern und
Managern und gegen die aus den oft verfehlten Hochhausexperimenten der
männlichen Architekten erwachsene "Schlafstadttristesse".
Die junge Schwedin von heute ist unkompliziert, selbstsicher, lebensfroh, eher gegen
falsche Illusionen gefeit, freimütig im Umgang mit Männern und, ungeachtet ihrer
Erfolge in so vielen männlichen Arbeitsbereichen, echt weiblich. Sie beginnt ihr
Leben unter günstigeren Auspizien, in einer glücklichen Kameradschaft mit dem
zum besseren Verständnis der Frau und seiner eigenen Pflichten ihr gegenüber
bewusst erzogenen Partner, der kaum mehr Anspruch auf die patriarchalischen
Vorrechte erhebt, die noch sein Großvater als "Norm" betrachtet hatte. Die Wahl des
Heims, die Erziehung der Kinder, das Ziel der Ferienreise werden meist ebenso
gemeinsam beschlossen wie Veränderungen im Beruf oder die Lösung
wirtschaftlicher Probleme. In der jungen schwedischen Familie haben, bildlich
gesprochen, beide Partner "die Hosen an". Ihren Großeltern wurde noch das Weltbild
von gestern vermittelt, in dem der Mann im Zentrum stand. Oft bestreitet die Frau mit ihrer Berufsarbeit den Haushalt, während der Mann seine Studien fortsetzt und
Heim und Kinder pflegt. Besucht man solche Familien, kann man feststellen, dass
es den Frauen trotzdem sehr häufig gelingt, dem Mann die Wärme und Geborgenheit
zu bieten, die ihm vielleicht in seiner eigenen Kindheit vorenthalten war, weil
seinen Eltern noch die grundlegende Erziehung für diese Neuordnung des
Familienlebens gefehlt hatte. |
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Früh schon wird der Eros entzaubert, werden Tabuvorstellungen niedergebrochen und Voraussetzungen für den
freimütigen Umgang der Geschlechter geschaffen, der überall in der Welt so
aufmerksam diskutiert wird. Man registriert mit großem Interesse die im Ausland
kursierenden Meinungen über die schwedische Frau und stellt sie oft zur Debatte.
Ist die Schwedin wirklich so unmoralisch, so leichtlebig, abenteuerlustig,
unverschämt, naiv und so erlebnishungrig, wie es Film und Illustrierten haben
wollen? Stimmt das eigentlich mit dem von Anita Ekberg auf die Filmleinwand
projizierten hemmungslosen Sex Appeal, mit den zu Sensationen aufgebauschten
gelegentlichen Vorfällen auf schwedischen Campingplätzen und den angeblichen
Orgien der Halbwüchsigen, die in ihren großen Straßenkreuzern die Stadtzentren
unsicher machen?
Mit der den Schweden eigenen vorbehaltlosen Selbstkritik werden diese Fragen in Presse, Rundfunk und
Fernsehen sehr freimütig behandelt, ebenso haargenau statistisch vermerkt und
analysiert wie etwa die Trunkenheitsfälle, Fahrraddiebstähle, der Konsum von
Abmagerungspillen oder die Zahl der außerehelichen Kinder. Aus diesen so
sorgfältig geführten Statistiken kalkuliert man dann das moralische Profil des
schwedischen Volkes überhaupt und kommt dabei zu Schlussfolgerungen, die im
Vergleich zu den weit weniger statistikbewussten Ländern, in denen man derartige
Daten entweder nicht so genau oder unter anderen Rubriken registriert, nicht
immer sehr schmeichelhaft sind. Die Schweden sind jedoch nicht unmoralisch — sie
haben eine andere, eigene Moral. Erotik gilt nicht als Sünde.
Anthropologisch lässt sich der in der Welt geltende Mythos von der sonnenblonden Schwedin mit den
himmelblauen Augen rein statistisch leicht entzaubern. Kaum eine von fünf
schwedischen Frauen entspricht diesem herkömmlichen Klischee, die meisten sind
brünett und sehen sich die Welt aus braunen Augen an. Es gibt wohl einige
Schwedinnen, deren Gesichtszüge an Ingrid Bergman, Greta Garbo, Ingrid Thulin
oder Harriet Andersson erinnern mögen, keines dieser Filmgesichter ist aber
typisch für die schwedische Frau. Manche Besucher meinen, man träfe in Schweden
auf mehr hübsche Mädchen pro Quadratkilometer als sonst wo in der Welt –
besonders im Sommer. Das ist natürlich Geschmacksache. Andere können da mit
Recht behaupten, dass die feurigen Frauenschönheiten der südlicheren
Breitengrade weitaus mehr Maler inspirieren. In den schwedischen Galerien sieht
man verhältnismäßig wenige Frauenporträts, wohl aber erscheinen diese auf
zahllosen Umschlagbildern der Illustrierten in aller Welt, und schwedische
Fotomodelle und Mannequins, Filmschauspielerinnen und Revuestars erfreuen sich,
vor allem dank ihres fotogenen Äußeren, einer erstaunlichen internationalen
Popularität. Dass heutzutage Schwedenmädchen (besonders auch in internationalen
Diplomatenkreisen) als Ehepartner so begehrt sind, dass man schon von einem
"Frauenexport” zu sprechen beginnt, liegt jedoch nicht an ihren äußeren
Attributen allein.
Zweifellos hat es die Natur gut mit ihnen gemeint. Das kühle nordische Klima mit seinem hellen, milden
Sommer, den frischen Seebrisen, dem trockenkalten Winter, mit den schräg
einfallenden, dem Teint schmeichelnden Sonnenstrahlen, die bräunen ohne zu
brennen, das wasser- und waldreiche Land mit seinen vielen Gelegenheiten zu
Segelfahrten, Skiwanderungen – alle diese Voraussetzungen für ein naturnahes und
gesundes Leben sind der schwedischen Frauenschönheit zugute gekommen. Darum
können die Schwedinnen sparsam mit Schminke und Rouge sein (mit Ausnahme mancher
Teenager, die ihre Selbständigkeit mit Augenschwärze und Lippenstift augenfällig
markieren wollen). Sie verstehen es, sich schick und doch einfach zu kleiden,
tragen selten Schmuck oder Hüte, pflegen ihr Haar mit größter Sorgfalt, sind
sich ihres guten Aussehens bewusst und schreiten mit hoch erhobenem Haupt durchs
Leben. Viele schwedische Frauen im Alter von 15 bis 40 Jahren betreiben
irgendeinen Sport und zählen zu den aktiven Mitgliedern der schwedischen
Sportvereine. Die Schwedin liebt ihr Heim und ist eine tüchtige Hausfrau. Aber
sie "geht selten im Haushalt auf". Alle Berufe stehen ihr offen.
Jede zweite Schwedin im erwerbsfähigen Alter arbeitet außerhalb ihres Heims. Ihr Einsatz ist für die
Nationalproduktion unerlässlich, und darum bemüht sich der Staat auch, die
technischen und sozialen Voraussetzungen für die Bewältigung der schwierigen
Doppelrolle der Frau in Heim und Beruf zu schaffen.
Nicht nur die hohen Ansprüche und Forderungen des Großstadtlebens (90 Prozent aller berufstätigen
Frauen wohnen in den Städten), die Hetzjagd nach dem so hoch geschraubten
Standard, der Wunsch, schön und elegant zu wohnen, die Mode mitzumachen und die
Vergnügungen zu genießen, veranlassen die Frau zur Berufstätigkeit. Die Schwedin
will sich vor allem ihre Unabhängigkeit sichern, bildet sich deshalb für einen
Beruf aus, den sie nach Möglichkeit auch nach der Heirat beibehalten will. Sie
ist häuslich, sparsam, fleißig, wird aber im Bewusstsein erzogen, dass die Ehe
kein Lebensziel sein muss, dass man auch allein stehend im Alltag anerkannt und
gewürdigt wird und es keine Katastrophe ist, wenn man nicht unter die Haube
kommt. Ein uneheliches Kind der Schwedin gilt nicht als moralischer Makel. Diese
Tatsachen und ihre berufliche Ausbildung gestatten es, ihren Partner frei zu
wählen, wenn – und wann – es ihr gefällt. Aus ihrer inneren Unabhängigkeit
resultiert auch ihr wachsendes Interesse an der politischen Entwicklung (neun
von zehn Frauen lesen die Tageszeitungen und über 80 Prozent nehmen an den
Wahlen teil), sie besucht Abendkurse, lernt gerne ein Kunsthandwerk, ist stets
bereit, ihre selbständige Rolle zu behaupten. In der Ehe sucht sie Liebe und
Kameradschaft, Familienglück und ein Heim, aber sie heiratet nicht um der
materiellen Geborgenheit willen.
Ihr aktiver Anteil am Erwerbsleben datiert weit in die
Geschichte zurück, als die schwedischen Frauen
vor vierhundert Jahren Flachs und Wolle spannen und webten, um mit den Stoffen
die Steuern der Familie zu bezahlen. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren
vier von fünf Arbeitern in den Textilfabriken Frauen – eine Proportion übrigens,
die bis heute beinahe unverändert geblieben ist. Ihre politische und soziale
Emanzipation begann aber erst vor über hundert Jahren, als Frederike Bremer um
Gleichstellung und volle Unabhängigkeit kämpfte. 1919 erhielt die Schwedin das
Wahlrecht, zehn Jahre nachdem Selma Lagerlöf den Literatur-Nobelpreis erhalten
hatte und kurz vor dem Filmdebüt der auf dem Umweg über eine Rasierstube, wo ihr
das Einseifen der Kunden vorbehalten war (heute führen die vielen schwedischen
Herrenfriseurinnen auch das Messer), zu Bühnenruhm gekommenen Greta Gustavsson,
die dann als Greta Garbo zur Legende und – fälschlich – zum Sinnbild des
modernen schwedischen Frauentyps wurde.
Die Entvölkerung der Landgebiete, die
rapide fortschreitende Urbanisierung, der solide hohe Lebensstandard und die
Aufgeschlossenheit für die bedeutende Aufgabe der berufstätigen Frau haben die
heute auch in den meisten anderen Ländern der Welt aktuelle Problemstellung in
Schweden besonders akzentuiert. Jede zweite Stockholmerin im mittleren Alter
stammt aus der stillen Provinz oder kam von einem einsamen Hof in das
anspruchsvolle städtische Milieu, musste die Akklimatisierungsschwierigkeiten,
Heimweh und Einsamkeitsgefühl, überwinden, die oft zu unüberlegten Verbindungen,
frühzeitiger Mutterschaft und bitteren Enttäuschungen führten. Aus dieser oft
recht harten Schule entwickelten sich aber auch die für die jüngere Generation
charakteristisch gewordenen Züge, die Eigenschaften, die man als typisch für die
Schwedin hinstellen mag, wenngleich sie ja kaum als ein bestimmter Typ zu
erfassen ist, schon der Generationskontraste wegen, die in diesem in stetiger
Gärung begriffenem Lande so besonders auffällig sind. Gemeinsam haben aber doch
die meisten Schwedinnen den Sinn für schöne Formen und Farben, der sich auch in
der großen Zahl der Kunsthandwerkerinnen spiegelt, die das viel gepriesene "Swedish Design"
mit geschaffen haben, gemeinsam ist ihnen, auch in der modernen Arbeitswelt, die
Kinderliebe, die Sehnsucht nach Sonne und Natur, ebenso wie die
Aufgeschlossenheit gegenüber dem Weltgeschehen.
Diese markanten Charakterzüge bestimmen das Porträt der Schwedin von heute, die eben im Grunde
ihres Wesens so echt weiblich und vielleicht selbst ganz erstaunt darüber ist,
dass sie im Zeichen der sozialen Umwälzungen in männliche Arbeitsgebiete
eindringen konnte. Jetzt sucht sie nach dem Schlüssel zur glücklichen Lösung
ihrer Probleme - einer Lösung, die ihr das innere Gleichgewicht schenken soll,
das durch diese Verwischung der Grenzen erschüttert worden war.
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